Kochmonster — hier kocht der Mann!

Schwarz-Gelbe Gefahr

Kochblog

Ob die Wespenplage in diesem Jahr ganz besonders schlimm ausgefallen ist, kann noch nicht abschließend beurteilt werden. Sicher ist nur, dass von allen unerwünschten Mitessern am Tisch in Garten oder auf dem Balkon nichts so nervt wie Schwarz-Gelb.

Wenn bei Ihrem heimischen Kaffekränzchen im Spätsommer Angela Merkel und Guido Westerwelle als ungebetene Gäste hereinschneien, heisst es Ruhe bewahren. Denn im Gegensatz zu deren kleinen, fliegenden schwarz-gelben Artgenossen lassen sich die beiden viel leichter vertreiben – einfach mit den verbliebenen, nicht mitgeschickten Briefwahlunterlagen wedeln und damit signalisieren: Ihr kommt zu spät.

Die Wespen dagegen lassen sich von wildem Wedeln mit was auch immer überhaupt nicht beeindrucken. Im Gegenteil: Je unkontrollierter der Insektenfeind um sich schlägt, desto mehr Biester machen schon mal den Stachel warm. Mensch gegen Insekt, Raubtier gegen Nützling, Goliath gegen David. Meist gewinnt im septemberlichen Kleinkrieg um den Zwetschkenkuchen der kleinere der beiden Kombattanten den Nahrungsnahkampf.

Im Gegensatz zu anderen unerwünschten Mitessern aus dem Tierreich wie Ratten und Mäuse, Schnecken oder Müslimotten ist gegen die Wespen kein Kraut gewachsen. Glück, bei wem nur Langkopfwespen auf dem Dachböden ihre papierartigen Nester bauen, denn die interessieren sich (wie Bienen) nicht für die Speisen des Hausbesitzers. Ganz im Gegensatz zu ihren Kurzkopf-Verwandten Vespula Vulgaris und Vespula Germanica. Die lieben Süßes wie Herzhaftes, denn sie sind in der Lage, fast jede menschliche Nahrung zu einem Brei zu verarbeiten, mit dem sie die Brut füttern.

Nachdem ich meinen ersten, natürlich völlig unverschuldeten, Wespenstich der Saison mühsam auskuriert hatte (die Sau war in eine Wolldecke auf dem Balkon gekrochen, und ich machte den Fehler, den Stich nicht sofort mit einer frisch angeschnittenen Zwiebel zu behandeln), veranstalteten wir im Freundeskreis den großen Abwehrtest. Immerhin weiss niemand vor seinem ersten Stich, ob er zu den drei Prozent der Bundesbürger mit Wespen-Allergie gehört.

Hausmittel, chemische Keulen, Elektroschocks, rauchende Colts – alles kam auf den Prüfstand. Der alte Winzertipp, am Rande der Parzellen Wespenfangflaschen mit einer speziellen Köderflüssigkeit aufzustellen (50 ml Weinessig, 50 ml Wein, 150 ml Bier, ca. 300 g Zucker und ein paar Tropfen Spülmittel je Liter) zeigte sofort durchschlagende Wirkung. Unter den Vespulavölkern der Umgebung sprach sich blitzschnell herum, dass bei den Wagners was zu holen ist. Natürlich flogen sie alle an den Tisch und keine einzige in die Falle.

Neurotoxikum auf der Schlagsahne

Auch die anderen Hausmittel versagten kläglich: Ätherisches Gel aus dem Baumarkt, Kupfermünzen, getränkte Salmiaktücher (wer will schon Ammoniakgestank an der Kaffeetafel?), mit Gewürznelken gespickte Zitronenhälften, Basilikumtöpfchen – alles Fehlanzeige. Das Giftspray aus der Dose („Gegen schwer bekämpfbares Ungeziefer“) erwies sich als besonders kontraproduktiv, traf nie die Wespen, legte aber eine feine Schicht Cypermethrin über die Schlagsahne, die wir dann angesichts des Neurotoxikums ebensowenig verspeisen wollten, wie den Zwetschkenkuchen nach Entzünden des Schälchens mit Kaffeepulver. Der beißende Rauch vertrieb zwar binnen Sekunden alle Wespen. Aber leider auch unsere Gäste.

Einer von ihnen hatte einen schwarz-gelben Kindertennisschläger bei seiner Flucht verloren. Nähere Untersuchungen ergaben, dass es sich hierbei nicht um ein CDU/FDP-Werbegeschenk im Sinne der Volksgesundheit handelte, sondern um eine elektrische Fliegenklatsche. Doch anders als bisher getestete Geräte dieser Art fehlte unserem Elektroschocker das „CE“-Zeichen. Es stammte, wie sich später herausstellen sollte, aus dem Untertresenbereich eines großen China-Import-Marktes.

Und genau deshalb entpuppte sich das Plastikpaddel als perfekter Killer: Mit weitaus mehr Volt aufgeladen, als es hierzulande erlaubt ist, fielen die Wespen schon nach kurzer Berührung mit den Drähten bewusstlos zu Boden. Bei etwas längerem Kontakt steigerte sich der Killer zum Griller – und die nach verschmortem Chitin stinkenden Dämpfe holten uns auf einen Schlag aus dem Kriegstraum zurück.

Ein Wespenvolk fängt im Laufe eines Tages bis zu 5.000 lästige Insekten (z.B. Mücken), bestäubt unzählige Pflanzen und dient als Nahrung für viele Vögel. Lassen wir sie also leben und essen diesen mit Hilfe einer japanischen Pflaumenreduktion multikulturell aufgeporschten Zwetschkenkuchen einfach drinnen in der Wohnung:

Und danach legen wir Kuchenfresser uns wieder auf den Balkon und beweinen den zunehmenden Verfall unserer Wespentaille.
_ PETER WAGNER _